Sie hielt sich stets dezent im Hintergrund, wenn andere Verwandte nach sportlichem Lorbeer lechzten. Dabei war sie unverzichtbar in den Fahrerlagern der Alpine- und Renault-Teams. Auch für die Händler und Werkstätten wurde sie bald ein wichtiger Helfer. Foto: Renault


Man spricht nicht über das Alter von Damen. Aber hier tun wir es. Weil wir gratulieren wollen. Herzlichen Glückwunsch. Der Name des Geburtstagskinds der Familie Renault: Estafette. Geboren wurde sie vor 60 Jahren, 1958. Sie entwickelte sich prächtig und wurde auch schnell äußerst beliebt. Auch wenn sie in jungen Jahren noch etwas schwächlich war. Ihr Motor mit 845 cm³  leistete 31 PS, sie bekam ihn von ihrer Schwester Dauphine.
Als sie älter wurde legte sie auch an Leistung zu. Eine neue Schwester, R8 getauft, lieh ihr 1962 ihren Motor, der aus 1108 cm³ 42 PS mobilisierte. Eine letzte Vitaminkur verpasste man dem Fräulein-Wunder der Franzosen 1968, da bekam sie den Motor ihrer Schwester R12, der aus 1289 cm³ 45 PS bereithielt. Der Renault-Kenner wird nun aufschreien. 1968? R12? Fehler! Der kam erst 1969. Da hat er Recht, der Kenner. Und doch stimmt es. Denn ein Jahr vor dem Debüt in Frankreich liefen Dacia 1300 in Rumänien vom Band. Bis ins Detail originale R12. Bis zum Motor. Stichwort Dacia: 1975 erschien eine Cousine der Estafette, die baugleiche Dacia D6, die man von 1975 bis 1978 in Osteuropa verkaufte. In Frankreich war...

...ihre Beliebtheit von Anfang an dominierend. Sie fand Gefallen bei Kommunen, der Feuerwehr, Polizei, als Krankenwagen kam sie zum Einsatz, aber auch als Lieferwagen mit Pritsche, geschlossenem Kasten, mit oder ohne Anhänger oder in der Bus-Version „Microcar“. Sie machte im Ausland Karriere, weltweit war sie zu finden. In den USA war sie ein Star, unter dem Pseudonym „Hi-Boy“ als Bus, den Transporter kannte man als „Petit-Panel“. Auch in Mexiko wurde sie hergestellt, ebenso in Afrika. Die Dame war in jungen Jahren sehr erfolgreich.


Eine Überlebende, die immer noch fast täglich bewegt wird. Die rüstige Dame bietet in diesem Fall als Wohnmobil eine angenehme Reise- und Camping-Atmosphäre.
Foto: Oldtimerreporter.Gaubatz


Im November 1968 erprobte Renault in einem Prototypen diverse Diesel-Motoren. Das Projekt wurde jedoch verworfen, der Prototyp verschrottet. Wozu auch einen Diesel? Die Benziner waren altbekannte und erprobte Aggregate. Mit den Otto-Motoren war sie zwar nicht die Stärkste, aber dennoch ganz schön flott. Überhaupt, trotz ihrer Leistungen war sie hübsch anzusehen. Man musste sie in ihrer aktiven Zeit kaum verjüngen. Ein kleines Facelift hier, ein paar Details da. Unauffällig, dezent. Und trotz ihrer schlanken Erscheinung schaffte sie es, 0,5 bis 1,0 Tonnen zu bewegen. Auch über längere Distanzen.
Im betagten Alter von 21 Jahren gönnte man ihr den verdienten Ruhestand. Das Duo Trafic und Master stand zur Wachablösung bereit. Und wie das so ist, mit den jungen Wilden, die beiden konnten einiges besser. Ihren Charme hat Mademoiselle indes bis heute nicht verloren. Die Estafette ist rar geworden. Wie bei allen Nutzfahrzeugen wurde sie in unzähligen Fällen zu Tode geritten. Die Überlebenden werden in der Hand von Fans und Sammlern gehegt und gepflegt. Eine ewige Schönheit eben.

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