"Fulldresser": Sogar zeitgenössisches Zubehör ist vorhanden. Ob das Radio noch spielt? Fotos(2): The PROtograph


Scheunenfundgeschichten fangen immer gleich an: „Opa hat da noch…“. Doch immer seltener werden neue geschrieben. Insbesondere über Oldtimer aus der Zeit kurz nach dem Krieg. Und schon gar nicht über „West“-Oldtimer, die im „Osten“ auftauchen.

Das Epizentrum des nun folgenden Berichts liegt in Thüringen, genauer: in der Region um Saalfeld. Es ist so eine richtig schöne Geschichte vom Dorf. Ein paar Jungs haben sich den Luftboxern aus Wolfsburg verschrieben. Auf einen Teilbereich der Restaurierung, das Strahlen, haben sie sich spezialisiert und das Hobby vor drei Jahren zum Beruf gemacht. Nennen sich jetzt Strahlwerk Deluxe.
Etwa zur selben Zeit begab es sich, dass sie beim Weihnachtstanz im Dorfkrug angesprochen wurden. Opa hätte da einen „alten VW“ zu stehen, ob sie sich den mal angucken wollten. Die Frage war rhetorisch, am nächsten Tag und im übernächsten Dorf trauten die VW-Spezialisten ihren Augen nicht: Was ihnen dort hinter und unter ganz viel Gerümpel entgegenblinzelte, war nichts weniger als das Brezelfenster. Weggestellt hatte der ältere Herr den Krabbler...

...bereits 1973, die Geschichte davor ist lückenhaft: Am 15. Februar 1949 wurde der Wagen nach Solingen ausgeliefert, ein Standard in der damals seltenen Farbe blau, und wie in den ersten Nachkriegsjahren üblich, matt. Wie der Wagen in den Osten wanderte, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Fest steht: In den fünfziger Jahren war er der Stolz eines Tankwartes, über eine Volkswagen-Werkstatt in Erfurt – ja, sowas soll’s gegeben haben – kam der VW Ende der fünfziger Jahre in den Besitz des Thüringer Schlossers. Der hat ihn noch etliche Jahre gefahren und dann zur Seite gestellt, für später, wenn er in Rente ist.
Die Rente kam, doch für den Käfer war noch keine Zeit gewesen, und nach besagter Weihnachtsvisite zogen weitere drei Jahre ins Land. In dieser Zeit hatte sich Opas Gesundheit verschlechtert: Das Augenlicht hatte stark nachgelassen, und bei einem weiteren Scheunenbesuch kam nach viel Fachsimpelei die erlösende Aussage, er würde sich von dem Käfer trennen. Aus gesundheitlichen Gründen würde er das Projekt nicht mehr durchführen können.


Die Trabi-Achse hinten hält den "Zombie" rollfähig. Seine Wiedergeburt ist in Arbeit.


Bei der darauffolgenden Begehung staunten die Neu-Brezelianer nicht schlecht. Der alte Schlosser hatte mit einer unfassbaren Akribie sämtliche demontierten Teile in wohlbeschrifteten Kisten verstaut, deren Standort er trotz des schlechten Augenlichtes genauestens benennen konnte. So ziemlich jedes noch so kleine Teil war vorhanden.
Bei dieser Inventur zeigte sich, dass dieses Modelljahr noch viele Details des KdF-Wagens hat: Eine Startkurbel samt Führung auf der Heckstoßstange und Loch in der Heckschürze zum Ankurbeln des Motors, Knebelgriff an der Kofferraumhaube und Kraftstoffhahn im Beifahrerfußraum. Erst im Sommer des Jahres 1949 folgten zahlreiche Neuerungen sowie die Einführung des Export-Modells, womit der Käfer seinen Siegeszug um die Welt antrat. Uraltkäfer-Guru Christian Grundmann hat die Brezel übrigens bereits begutachtet und die Originalität bestätigt.
So übergab der ältere Herr aus dem Nachbardorf schweren Herzens den Volkswagen an das junge Team. Eine Bedingung hat er daran noch geknüpft: Wenn die Brezel fertig ist, möchte er sie ein letztes Mal fahren! Nein, nicht mit-fahren, sondern selbst steuern. Mit Oma.Und die Jungs haben auch schon eine Idee, wie sie das umsetzen: auf einem stillgelegten Militärflugplatz in der Nähe werden sie dieses Versprechen einlösen. Fortsetzung folgt…

Danke an Robin Seifarth von Strahlwerk Deluxe für die Hintergrundinformationen.
Fotos von The PROtograph

 

 

 

 

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