Es war einmal ein Renault 4. Geboren im Jahre des Herrn 1966, trug er noch die frühen Insignien seiner Modelllaufbahn in Gestalt eines kleinen Kühlergrills, der die runden Scheinwerferchen noch nicht umfasste. Beim Schalten der Gänge musste man nicht weiter als bis drei zählen können, mehr Gangstufen gab es nämlich (noch) nicht. Das Farbkleid des kleinen Renault war graublau, ganz typisch für viele Renault jener Jahre. Ein unscheinbares Kleid, dass dennoch ungeheuer liebenswert war – und ist. Drei Seitenfenster, also ein „L“, und die riesige Heckklappe war ja sowieso Standard. Kurz nach seiner Geburt 1966 verließ der Vierer die heiligen Hallen auf der Ile de France und machte sich auf den Weg nach Deutschland.

Genau genommen zu einem kleinen Händler in der Provinz, in dessen Schaufenster er nicht lange verweilen musste. Ein junger Familienvater suchte nach einem günstigen und praktischen Familienmobil – er konnte kein passenderes finden als den R4L. Vater, Mutter, zwei Kleinkinder, gelegentlich etwas Baumaterial für das neue Eigenheim, es passte alles in und um die praktische Franzosen-Kiste. Die Jahre gingen ins Land, beschaulich zog der kleine Renault mit 26 PS seine Runden in der kurvigen Provinz.
Eines Tages aber im Frühsommer 1969 änderte sich das Leben des Franzosen buchstäblich schlagartig. Sein Besitzer, der junge Familienvater, machte sich im Licht der aufgehenden Sonne auf den Weg zu seinem Tagwerk. Nach 100m tauchte die erste Kurve auf, normalerweise eine Routineübung für den Renault und seinen Herrn. Kurven nahm und nimmt ein R4 mit Verneigung, aber auch mit einer großen Sicherheit, ohne irgendwelche hinterlistigen Heckmecks, mit denen andere Zeitgenossen ganz gerne aufwarteten. Wie gesagt, eigentlich Routine – nur heute nicht. Der Renault – Lenker nahm die Linkskurve vorschriftsmäßig auf seiner Fahrbahnseite; nicht so der Rekord P2 auf der Gegenseite  mit einem jugendlich – wilden Lenker am Volant. Es kam, wie es nicht kommen sollte und doch kommen musste : Der Opel schlug mächtig in die linke Vorderseite des Vierers ein, Ergebnis Opel : Schweinwerfer, Kühlergrill und Kotflügel links stark malad. Ergebnis R4 : Kotflügel zerknüllt, nach Achstreffer ein um etwa 45 Grad schiefes Vorderrad. Vermutlich auch ein Rahmentreffer. Der jugendliche Chauffeur sprang wie von der Tarantel gestochen aus dem Opel und beschwor den Renault- Fahrer, das Ganze nicht der Versicherung zu melden. Sein Rekord sei nämlich rekordmäßig unterversichert und da könne man doch nicht… Vielleicht ließe sich da ja etwas unter der Hand…? Ganz sicher kämen er oder sein alter Herr (dessen Opel er fuhr) bald in Form von BAT = bar auf Tatze für den Schaden auf. Ganz sicher! Der R4 – Fahrer kannte den jungen Opelisten und dessen familiär etwas angespanntes Verhältnis zum Geld. So konnte er den Beteuerungen des Rekord – Fahrers keinen rechten Glauben schenken – aber was sollte er tun? Er schob den maladen Vierer in seine Garage, in der ganz schwachen Hoffnung, dass doch noch ein Wunder geschehe und der Schaden jemals beglichen werde. „Wunder gibt es immer wieder“, sang Katja Ebstein 1970; in der Provinz hingegen blieben die Wunder aus. Der graublaue R4 wurde durch einen neuen rotbraunen Vierer ersetzt, wieder mit 26 PS, aber schon mit dem neuen Alubrillen-Gesicht und vier Gängen. In der Garage wartete der waidwunde Renault auf seine Wiederauferstehung, Jahr um Jahr. Er wurde vergessen, der kleine Graublaue. Sein Nachfolger ging 1977 den damals üblichen Weg eines R4, weitere Nachfolger kamen und gingen (fortan – Ironie des Schicksals- nur noch mit einem Blitz auf der Haube). Die 90er-Jahre brachen an, dem ehemaligen Renault – Besitzer gelüstete es nach einer Entrümpelung und Renovierung seines Eigenheims. Der kleine Franzose war zur Altlast geworden, das Wunder war nicht mehr zu erwarten, so musste der Renault weichen. Er wechselte für kleines Geld in ein neues Zuhause, Schicksal ungewiss. Nein, nicht in die Hände des Schreibers dieser Zeilen, leider. Der war damals noch zu jung, um alte Franzosen wieder zum Leben zu erwecken. Manchmal ist die späte Geburt doch keine Gnade. Schade. Übrigens : Mit dem maladen Rekord sind auch keine Wunder geschehen. Er fährt vermutlich im Blechhimmel umher und blinzelt mit dem zerstörten Scheinwerfer.
Foto: Oldtimerreporter.Müller

 

 


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