Mehr Zeitgeist geht fast nicht. Christian Sellner kann zurecht stolz auf seinen 66-er Käfer sein!           Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Bescheidenheit ist eine Zier, doch schöner lebt sich’s ohne ihr. Deswegen kleckerte Christian Sellner an seinem Käfer auch nicht mit zeitgenössischem Zubehör, sondern klotzte richtig ran.
Angefangen hat es in den 70ern mit V8-Benzen, dann kamen einige DKW und schließlich sechs Käfer – so die Oldtimer-Karriere von Christian und seinem besten Freund. „Diesen hier trieb ich 2014 auf und bekam ihn Anfang dieses Jahres, als mein Kumpel das Altblech-Hobby aufgab. Zuvor hatte ein Leipziger Chirurg mit einer Vollrestauration einen Ausgleich zum Beruf gesucht und gefunden, später überholte ein Betrieb aus Spandau den Boxermotor.“ Blieb nicht viel übrig zu tun, zumindest was die gemeine Restauration angeht.

Umso mehr Zeit, sich den Details zu widmen. „Seit dieser 1966er VW 1500 in meinem Eigentum ist, habe ich rund über 90 optische Individualisierungen vorgenommen. Dabei ging ich ohne Schema vor, stöberte mich eben so durchs Internet. Fand hier ein schönes Accessoire, sah dort eine interessante Idee – wie das eben so ist.“


Sonderausstellung im Käfer: Ob Drehzahlmesser, Vase oder Groschenhalter ... mehr fahrendes Museum geht nicht.


Manche Änderungen sind unauffällig wie die Empi-Ventildeckel, manche unscheinbar wie die geplätteten Zentren der Radkappen, um dort VW-Embleme aufzubringen, manche unübersehbar wie die Tieferlegung mithilfe anderer Achsschenkel. Als Gemeinsamkeit weisen sämtliche Umbauten einen bemerkenswerten Perfektionismus auf: Wo möglich die alten Schrauben gegen neue aus Edelstahl getauscht, die Stoßstangenhalter verchromt statt schwarz lackiert, die Nebler an Chromträgern von Kawasaki – damit an der Stoßstange eben wirklich alles blitzt.
Dem geneigten Leser wird aufgefallen sein, dass ein 1966er Käfer so nicht ausgesehen hat: „Das ist ein falscher Alter, die breiten Flankenleisten und das Wolfsburgwappen auf der Fronthaube stammen vom Dickholmer. Auch die beigen Schalter innen sind von jenem Vorgänger, ab Werk hatte mein Modell schwarze Bedienelemente.“


Darf's ein Espresso sein?


„Für die James-Dean-Gedächtnisstreifen auf den hinteren Kotflügeln konnte ich kein simples Dreieck aus roter Folie ausschneiden, da wäre die Spitze in der Karosserie gelandet. Zum Erhalt eines gleichmäßigen Abstands zum Kotflügelkeder habe ich also eine Schablone aus Klebeband angefertigt und anhand dieser mit Papier und Bleistift ein Negativ erstellt.“ Halbgares kommt ihm nicht an den Wagen, deswegen zahlte der Berliner auch gern ein paar Scheine mehr für die originale RaBambus-Ablage unterm Armaturenbrett als einen Nachbau aus den USA. Die Verpackungen vom Campinghocker und dem Set dreier Klappkleiderbügel selbstverständlich in Rot passend zur Innenausstattung. Die Hutablage von Kamei selbst bezogen und abgesteppt, die Erinnerungsstücke an die Olympischen Spiele 1972 einst neu gekauft. Die Blaupunkt-Boxen am selben Ort? New old stock. Das zeitgenössische Gepäcknetz auf dem BeKöWa-Dachträger? Gerade aus Italien angekommen. Der Groschenspender für die Parkuhr, der Kilometerfix zur Verbrauchsermittlung, der Kindersitz. Das Aufstöbern passenden Zubehörs ist Uwes Steckenpferd geworden – klar, andere haben auch mal ein, zwei Gadgets aus der Zeit ihres Autos an Bord, aber kaum einer in dieser Menge.
„Allerdings wurde für kein Fahrzeug derart viel Zubehör hergestellt wie den Käfer. Auch ich bin immer wieder überrascht, was es nicht alles gab.“ Zum Beispiel Schuhabstreifer, eine metallene Heckjalousie oder einen Kleiderhaken zum Einhängen ins Fenster. Wie wäre es denn mit einem Picknickkoffer inklusiver unbeschädigter Thermosflasche, einer Paluxette 12V-Reisekaffeekocher fürs damals aufkommende Instantpulver, einer Olmig-8-mm-Kamera? Oder der historischen Erste-Hilfe-Tasche vom Roten Kreuz samt Originalinhalt? Einem ins Lenkrad klemmbaren Tischchen, alten Straßenkarten, Magazinen, Quartettspielen? Ein Ende ist nicht in Sicht. Bei der Motorworld Classics Berlin 2018 verewigte sich der ehemalige Mercedes-Rennleiter Norbert Haug mit einem Autogramm auf dem Handschuhfachdeckel. Als nächstes steht die Montage zweier Bosch-Hupen an der Frontstoßstange an. Christian freut sich schon auf die zu knackende Nuss in Form der irgendwo aufzutreibenden oder auch selbst anzufertigenden Halter...


Der schönste 66-er Käfer ever ... oder?