Flaggschiff: Beim Granada-Coupé - hier ein 2.0 - war das Vinyldach Pflicht! Der erste Consul wurde auschließlich als Fastback - dann aber mit Hüftschwung - ausgeliefert. Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Gurgel, gurgel, trommel, trommel, quietschender Keilriemen, unruhiger Leerlauf… Das Auto zum Motor ist noch nicht zu sehen, aber man hört die schwere Arbeit eines Motors, der offensichtlich eine Prise zu schwach ausgefallen ist – oder das Auto um ihn herum zu wuchtig. Ein kleiner autoverrückter Junge beobachtet die Szene und erwartet gespannt, was da bald in die Straße einbiegen wird. Das heißt, er wartet nicht ab, sondern schaut die Straße hinunter. Dort kann er das gurgelnde Auto schon sehen, so leuchtend, wie es lackiert ist.
Blau! Leuchtend blau! Diese Farbe kennt der Junge bisher nur von Eiscreme mit Heidelbeer-Geschmack oder vom Weichspüler, den seine Mutter bei der Wäsche benutzt. Dass diese Farbe Olympiablau heißt, erfährt das Kind erst viele Jahre später, in diesem Moment interessiert das auch nicht. Jetzt fasziniert ihn das Auto mit dem Gurgelmotor und der Leuchtfarbe. Dort steht er, der große Wagen. Er ist wirklich groß, vor allen Dingen im Vergleich zum Familien- R4. Vorne sind rechteckige Scheinwerfer über einer dicken Chromstoßstange zu sehen. Die Motorhaube ist breit und lang, was für ein riesiger Motor mag darunter zu sehen sein?  Vier Türen rundum, die Polster sehen bequem aus, fast wie die Sessel im Wohnzimmer. Hinten ein großer Kofferraum, da passen sicher viele Kartons mit Legosteinen hinein. Breite Heckleuchten, überhaupt alles an diesem Auto irgendwie breit und groß. „Consul L“ steht da in geschwungenen Buchstaben auf der Kofferraumhaube geschrieben. Der Junge ist beeindruckt vom Consul. Die Farbe, der V4-Motor, das gesamte Auto werden sich ihm für immer im Gedächtnis einprägen. So etwas vergisst du nicht.

Diese Szene spielt sich irgendwann Mitte der 70-er-Jahre in der Provinz ab. Ganz sicher ist, dass sie sich in jener Zeit auch in vielen anderen Gegenden Deutschlands und Europas genau so abspielt. Sie machen Eindruck, die Consul – und Granada – Modelle bei ihrem Erscheinen 1972. Das autointeressierte Volk staunt über die barocken, stark amerikanisch angehauchten Formen des Brüderpaars. Nicht, dass der direkte Vorgänger P7 nicht auch amerikanisch geprägt ist, aber diese Consul und Granada sind eben besonders durch den american way of style gekennzeichnet. Wuchtig, wuchtiger, am wuchtigsten, so könnte das Motto bei der Entwicklung der ähnlichen Brüder gelautet haben.


Frachter: Der Turnier ist ein echter Lademeister. Er war bei seinem Erscheinen innen sogar größer als die mächtigen Volvo Kombis.


Seit Jahrzehnten ist die Ford – Kundschaft an die „M“ – Modellbezeichnungen der kleinen und großen Ford gewohnt. 12m, 15m, 17m, 20m, ja sogar einen 26m findet man in der Ahnenreihe der Ford – Modelle. „M“ wie Meisterstück, so lautet die selbstbewusste Deutung des Buchstabens. Man ist also gut gefahren mit den Meisterstücken bisher bei Ford, doch nun soll Schluss sein damit und ein neues Kapitel in der Namensgebung beginnen. Keine Zahlen mehr, keine einzelnen Buchstaben, richtige Namen müssen her. So praktiziert man es bereits beim Escort, und nun auch beim Consul und Granada. Consul = lat. der Berater. Man ist in der Tat gut beraten mit dem Kauf des 17m-Nachfolgemodells. Zurückhaltende Ausstattung und Chromdrapierung, das Notwendigste zum Fahren, auf Wunsch gibt es ja für den geneigten Kunden das „L“-Paket. Darin ist, im Gegensatz zum Basismodell, dann schon ein Zigarettenanzünder vorhanden, neben etwas mehr Chrom und Schmuck. Auf jeden Fall erhält der Ford – Fan für einen guten Preis einen geräumigen Wagen, mit der er sich  zeigen kann bei den Nachbarn. Eine wichtige Sache schon in den 70-ern!  


Wie war das nochmal? Das H-Kennzeichen setzt einen guten Pflegezustand voraus... Dieser Kandidat ist aber ein Stückchen davon entfernt, gell? Sieht so aus als wird er als Umweltzonen-Kutsche verschlissen. Schade. Und unserem Hobby ist das nicht wirklich zuträglich.


Granada, eine prächtige Stadt in Andalusien, voller herrlicher, großer Bauwerke. Wie geschaffen als Namensgeber des 20m – Nachfolgemodells von Ford. Hier wird dann auch schon deutlich dicker aufgetragen mit Chrom und Zierde. Ein wuchtiger Kühlergrill demonstriert beim Blick in die Augen des Granada den ersten Unterschied zum Sparbrötchen Consul. Rundum schon beim Basismodell mehr Chrom, eine schwarze Heckblende zwischen den Rückleuchten, breitere Felgen, einfach der berühmte Löffel Butter mehr. Der wichtigste Unterschied zwischen Consul und Granada spielt sich aber unter der Haube ab : Die Sparvariante ist serienmäßig mit dem altbekannten, etwas rumpeligen 1.7-Liter V4 und zunächst 75 PS ausgestattet. Wer mehr möchte, etwa den 2.0-Liter-OHC-Vierzylinder oder gar den V6-Motor im Consul GT, muss eine Schippe Geld drauflegen. Ein paar verwegene und gleichzeitig sparsame Menschen gibt es, die einen Consul 2300 GT ordern, manche sogar einen 3000 GT. Schnell fahren und trotzdem sparen, lautet wohl das Motto hier. Die Granada – Kundschaft kommt (zumindest bis 1975) erst gar nicht in die Versuchung, ihren schicken Wagen mit einem V4 zu quälen. Es gibt ihn einfach nicht im Granada bis 1975, V6 – Kultur ist Standard. Basis – V6 ist hier der 2.0 mit 90 PS. Ein Motor, der einfach nur da ist, man hört ihn kaum, man spürt ihn aber auch kaum beim Betätigen des Gaspedals. Besonders ist dieser Effekt bei der Verbindung mit der 3-Gang – Automatik zu beobachten. Dann kann verstärkt die Tankanzeige im Blick behalten werden, sie wandert zügig in Richtung „leer“. 13 -15 Liter möchte der kleine V6 gerne durch seine Doppelvergaser rauschen lassen. Weitere V6-Maschinen sind der 2.3 ( auch im Consul GT), später der 2.6, der 2.8i und der 3.0 (auch Consul GT). Der 3.0 ist ein deutlich anderes Kaliber als der 2.0. Im Vergleich zum Hubraum ist seine PS- Zahl eher bescheiden (138 PS), aber der Hubraum… So stellt man sich den sprichwörtlichen Zugochsen vor.

Consul und Granada gemeinsam ist ein neues Ford – Fahrgefühl. Lange Jahre tanzten die Hinterachsen der großen Ford an Blattfedern geführt über unebene Straßen. Das ist vorbei, jedes Rad rundum hat seine eigene Führung. Die Weichheit des neuen Fahrwerks ist für manchen so ungewohnt, dass er immer noch seekrank im großen Ford wird.  Ungerechte Welt! Untergebracht werden die V4/V6 – Motoren je nach Wunsch des Consul/Granada- Kunden in eine zweitürige Limousine (ab 1973) , einen Viertürer, ein schickes Fastback-Coupé oder in den sagenhaft geräumigen Kombi, bei Ford „Turnier“ genannt. Sie möchten eine handelsübliche 2m- Zimmertür ohne offene Heckklappe transportieren? Kein Problem für den Turnier, Rückbank mit einem Griff umgelegt und schon zeigt sich eine 2m lange, völlig ebene Ladefläche mit Platz für alles. So etwas ist konkurrenzlos, kein Wunder, dass viele Handwerksbetriebe begeistert zu den Kombi-Modellen greifen. Gerne auch als Consul mit V4, des Sparens wegen. Consul Basis, Consul L, Consul GT, Granada Basis und L, XL, GXL (bis 1975) und die Über-Luxus –Variante Ghia. Kombiniert mit den vielen Karosserievarianten ist wirklich für jeden etwas dabei im Programm der ähnlichen Brüder. Er ist gelungen, der Sprung von den Meisterstücken zum Brüderpaar!