Starkes Team: Jürgen Meckel und sein Aro.
Fotos: Oldtimerreporter.Obuchoff


„Der sieht einfach wie ein Auto aus: Hat ein großes Maul, zwei Augen und hat Rundungen wie eine Frau“, so begründet Jürgen Meckel sein Interesse für den ARO M461.  Und: „Der macht, was andere nicht können.“ Was das bedeutet will der 59-jährige Rettungssanitäter mir sofort zeigen. Wir gehen raus. Seinen Bauernhof am Rand des ältesten Kolonistendorfes im Oderbruch Neulietzegöricke hat Jürgen Meckel umgebaut. Im Wohnhaus gibt es zwei Gästezimmer, und der Stall birgt Garage und Lagerräume. Das Dachgeschoss darüber soll demnächst als Wohnung für seine Schwester ausgebaut werden.
Als erstes springen freudig die drei Hunde ins Freie. Die beiden riesigen Rhodesian Ridgebacks Jambo und Iza sowie der kleine Mischling Susi glauben wohl, es gehe aufs Feld. Das stimmt zwar, aber nicht für die Tiere, sondern für den ARO, der seine runde Schnauze schon aus dem Garagentor reckt. Das 2,4-Liter-Tribwerk springt sofort an.

Rasselnd schiebt sich der Wagen auf den Hof begleitet von Jambos Gebell, der augenscheinlich etwas gegen das Fahrzeug einzuwenden hat. Vielleicht ahnt er, dass der Ausflug dem Auto und uns vorbehalten ist, nicht den Hunden. Die müssen zu Hause bleiben. Und dann geht es los über’s flache Land des Oderbruchs. Tiefe Pfützen auf den Feldwegen oder der kleine Rodelberg am Dorfrand sind keine Hürden für den rustikalen rumänischen Geländewagen.


Eifersucht oder Aufpasserinstinkt? Jambo und Iza waren jedenfalls nicht ganz einverstanden, als unser Autor Hajo Obuchoff den Aro enterte.


1957 begann die Produktion der ARO-Geländewage als IMS 57 in der Stadt Câmpulung im Norden der Walachei. Das Fahrzeug war eine Weiterentwicklung des sowjetischen Geländewagens GAZ-69. 1961 dann wurde mit dem eigenen Projekt des Typ „M 461“ begonnen. Diese Weiterentwicklung ging 1964 in Serie. Unter der Haube arbeitet ein Vierzylinder- Reihenmotor mit 70 PS (52 kW). Seine Höchstgeschwindigkeit wird mit 100 km/h  angegeben und sein Verbrauch mit 17 l bei 80 km in der Stunde. Zwischen1965 und 1975 exportierte ARO laut Wikipedia 53 000 Fahrzeuge dieses Modells in 55 Länder. Noch heute gilt der M461 in Kolumbiens wilder Landschaft als gängiges Überlandtaxi, so jedenfalls ist es bei https://autonatives.de/aro-auto-romania.html zu lesen.
Während uns die frische Frühlingsluft um die Ohren weht, erzählt Meckel mir seine halbe Lebensgeschichte. Sein erstes eigenes Auto war ein 23 Jahre alter Trabant 500. Vorher fuhr er schon ein Gespann mit einer ES 250. 
Das Schrauben hatte der gelernte Baufacharbeiter also schon an diesen Gefährten gelernt. Das zahlte sich auch an dem Trabant 601 Kombi aus, den er 1986 als Unfallwagen erworben hatte. Im Wendejahr 1990 war es dann ein Wartburg 353. Inzwischen war Jürgen Meckel seit vier Jahren im Berliner Verlag im Fahrdienst beschäftigt. Der Wartburg war sein Dienstwagen. Und 1990 konnte er ihn erwerben, weil sich der Fahrzeugpark grundlegend änderte.
Auch das Leben des Jürgen Meckel sollte sich bald ändern. 1996 wurde er – betriebsbeding wie es hieß – fristlos gekündigt. Das geordnete Berufsleben geriet ins Wanken. Mal hierhin, mal dorthin wechselten die Jobs. Vieles musste in eigene Hand genommen werden. 2012 ergab sich dann eine Umschulung zum Rettungssanitäter. „Zum Helfen hatte ich schon immer eine Affinität“, sagt Meckel. „Vom Arbeitsamt bekam ich dann auch noch die Ausbildung in diesem Beruf bezahlt. Mit 50 Jahren nochmal auf die Schulbank, das war nicht so einfach. Heute arbeite ich in Eberswalde auf modernsten Notfallfahrzeugen mit modernster medizinischer Technik.“
Der 24-Stundendienst lässt sich dabei sehr gut mit seinem Hobby verbinden. Denn nach jedem Dienst hat Jürgen Meckel zwei Tage frei. Auch beim Ausbau seines neuen Anwesens im Oderbruch kam dem einstigen Berliner dies zugute.
Und eben dem ARO. „Ich hatte schon bei meinem Wehrdienst an der Grenze den ARO gesehen.“ 2016 hatte Meckel eine Anzeige gefunden. In Lodz war einer für 1500 Euro zu haben. „Den habe ich auf eine Trailer geladen und hergebracht“, erzählter der Hobbyschrauber. Der Zustand indes war schlimm. Es stellte sich Reparaturbedarf am Rahmen heraus. „Das war zu teuer für mich. Also verkaufte ich ihn weiter – sogar mit etwas Gewinn.“ Ein halbes Jahr später entdeckte ich einen ARO Baujahr 1968 in Thüringen für 4500 Euro.“


Nicht ganz unwichtig - der Brensflüssigkeitsstand.


Mit dem fahren wir nun bis zur Oder. Kurz vor dem Deich sehe ich links das Theater am Rand. Es ist mittlerweile schon kein Geheimtipp mehr, dass hier in der warmen Jahreszeit der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann seit Jahren ausgesprochen gutes Theater veranstalten. Inzwischen hat sich hier an der Zollbrücke eine kleine gastronomische Infrastruktur auch mit Unterkünften entwickelt.
Auch Jürgen Meckel bietet Touren zwischen fünf bis sechs Stunden durchs Oderland auf seinem ARO an. Bis es soweit war, hatte er allerdings fast zwei Jahre mit Schrauben verbracht bis das Auto im April 2018 zugelassen wurde. „Da kam auch eins nach dem anderen dazu“, erzählt er. „Die Bremsen, ein neuer, nun elektronischer Zündsatz, die Benzinpumpe und dann mussten noch zwei Lager im Getriebe ausgewechselt werden.“
Aber so ein altes Auto fordert schon Aufmerksamkeit. Mal tropft es hier oder da, auch Rost versucht sein Glück, und Jürgen Meckel hört auch jedes fremde Geräusch, dass sich einschleicht. „Es ist schon sowas wie eine alte Liebe“, sagt er. Eben – eine mit schönen Rundungen.