Aufschneider: Dieses liebevoll konstruierte Enten-Cabrio auf der Stuttgarter Retro-Classics ist bereit für den Frühling.
Foto: Oldtimerreporter.Müller


Samstagmorgen, 6.30 Uhr. Eine Zeit, in der viele Menschen sich noch einmal im Bett umdrehen, um das frühe Aufstehen mit aller Macht zu verhindern. Der morgendliche Kaffee hat noch viel Zeit, aufgebrüht und genossen zu werden. Nicht so beim Oldtimer-Schreiber. Ich stehe gebürstet, mit Proviant ausgerüstet und aufgeregt an einer Bushaltestelle in einem kleinen pfälzischen Ort. Warum aufgeregt? Nun, heute werde ich die Retro – Classics in Stuttgart besuchen, aber das ist es nicht alleine.
Die Anreise findet stilecht in einem Oldtimer-Bus statt! Da werden Erinnerungen wach an Kindheitstage aus den 70ern und 80ern, als man in den verschiedensten Omnibussen in die Schulpaläste befördert wurde – die damals schon zum Teil Oldies waren… Magirus, Mercedes, MAN, Setra, Neoplan…eine bunte Palette an schlichten und edlen Beförderungsmitteln. Welcher Oldie mich heute erwartet? Ah, das ist er ja: Setra S 208, klein aber fein! Man möchte ihn beinahe in den Arm nehmen, so knuffig ist er.

Na ja, er ist zwar nur 7,60m lang, könnte aber trotzdem schwierig werden… Los geht die Fahrt! Hinten grollt ein Mercedes – V6 mit 170 PS und macht mit seiner Musik große Laune auf die 160km lange Fahrt nach Stuttgart. Das Elsass liegt noch im Halbdunkel, aber das malerische Flair der kleinen Orte ist bereits gut zu erkennen. Ortsnamen wie Scheibenhard, Neewiller oder Lauterbourg klingen ein wenig nach einer Märchenwelt. Der Setra gleitet höchst komfortabel durch das Geschlängel der Landstraßen, der V6 ist in seinem zugkräftigen Element. Die Autobahn naht! Wie wird er sich hier schlagen, der kleine Kässbohrer? Die A8 zwischen Karlsruhe und Stuttgart wartet sehr bereitwillig mit langen Steigungen auf, das weiß jeder Brummi-Fahrer. Unser Fahrer ist sehr geschickt darin, die alte Diesel-Regel des Schwungerhalts anzuwenden. Hilft nur nicht ganz: Zuweilen ist Blümchenpflücken während der Fahrt möglich. Egal, es bleibt komfortabel und macht Freude!
Wir erreichen Stuttgart also bequem und ausgeruht. Auf ins Getümmel der Retro-Classics! Meine ersten Schritte lenken mich, nein nicht zum Kaffeestand, sondern in Halle 8 zu den Nutzfahrzeug-Oldies. Dort wartet der Club Anciens Autobus de France (AAF) mit einem herrlichen Saviem-Reisebus auf. Außerdem treffe ich Konrad Auwärter, der unter anderem einen lebensgroßen „Bic-Mac-Neoplan“ mitgebracht hat – und natürlich hörenswerte Geschichten aus seinem bewegten Berufsleben!  Beeindruckende kleine und große Schwermetall-Exponate runden das Angebot in Halle 8 ab. Ich lasse mich weiter treiben durch die immer praller gefüllten Hallen der Autoschau. Sie erzählen von immer noch lebendigen und von beinahe vergessenen Automarken. In einer Nische findet sich ein Amilcar CC aus den 1920er-Jahren. Amilcar? Ist das britisch? Nein, mitnichten.
Der Amilcar ist ein kleines und feines französisches Wägelchen, nur ein paar Jahre gebaut, heute eine blaue Mauritius. Nicht wesentlich öfter anzutreffen ist auch der 2 CV Lomax, eine optische Kreuzung aus 2 CV und Morgan V8. Merke: 29 PS können ganz schön rasant verkleidet sein… Mit einer rasanten Verkleidung hält sich der R4 Plein Air erst gar nicht auf. Und mit Wetterschutz auch nur unwesentlich. Wer braucht das schon am Strand von St.Tropez? 34 PS sind da auch mehr als genug. Genau 10 Pferdchen mehr bringt ein sehr früher R5, der mir von gegenüber zulächelt, auf seine schmalen Antriebsräder. Gerade in dieser frühen, „puren“ Ausführung lässt der 5er seinen ganzen Charme spielen, auch ihn möchte man in den Arm nehmen und entführen.
Der kleine Freund ist in einem schlichten Beige lackiert, in dieses Beige ist nach alter Renault-Farbenart ein magisch-zarter Rosé-Ton eingebaut – so wird aus Beige eine Faszination. Eine betörende Lackierung trägt auch der Ami 8 Break – leuchtend gelb strahlt der kleine Citroen! Der Peugeot D3 der Peugeot-Freunde verhält sich hingegen ganz wie ein Nutzfahrzeug: Außen grau. Aber die inneren Werte! In einer Zeit, als ein norddeutscher Konkurrent noch lange mit Heckmotor und Ladestufe achtern herumfuhr, konnte der D3 bereits mit Frontmotor und Frontantrieb glänzen. Et voila! Ein Bugatti Typ 43 war vom Frontantrieb noch deutlich entfernt, aber das störte die betuchten Herrschaften in der Vorkriegszeit so gut wie gar nicht. Der Bugatti hatte gewisse andere Vorzüge, mit denen sich erheblich mehr Eindruck schinden ließ… 2,3 Liter Hubraum waren 1927 ein Wort.

Ganz so viel Performance bot der Mazda 323 von 1977 nicht. Das musste er auch nicht: Er hatte zur Aufgabe bekommen, Familien rund um die Welt zuverlässig, sparsam und gut ausgestattet von A nach B zu bringen. Heute man kann man sagen, es ist ihm vortrefflich gelungen. Auch er ist nun ein veritabler Oldtimer, auch wenn manche Oldie-Fans das abstreiten. Damit steht er in einer Reihe mit all den Ford Capri, Opel Kadett, Mercedes S-Klasse etc., die auf der Retro-Classic auch zu finden waren. …Millionen, Modellautos, massive Technik und mehr – so könnte also das Motto der Retro-Classics lauten. Mit vielen Eindrücken im Herzen trete ich die Setra – Heimreise an. Der V6 bringt mich zuverlässig nach Hause – und hinterlässt den schönsten Eindruck!