Bulldog-Ost-Ausgabe: der Ursus. Fotos: Oldtimerreporter.Müller


Ich habe meine Zähne gezählt. Sie sind noch vollständig. Unbestätigten Gerüchten zufolge ist auch die Anzahl meiner gesunden Knochen in den letzten Tagen nicht um ein Wesentliches zurückgegangen. Meine Hörfähigkeit hat vorübergehend etwas gelitten, aber ich bin guten Mutes, dass sich das bald wieder einrenkt, nicht wahr? Warum ich das alles erzähle? Nicht deshalb, weil ich in einem Alter bin, in dem man nur noch über Krankheiten redet, nein, das nicht. Eher deswegen, weil ich eben sehr stark geschüttelt und gerührt worden bin, in einem Durchgang. Wem ich das zu verdanken habe? Na ihm, dem ultimativen Knochenerweicher, Plombenlöser und Grobstaub-Produzenten schlechthin: Einem Lanz Bulldog Baujahr 1939. Wo ich dem Zementmixer über den Weg lief? Ganz einfach : Am Technik – Museum Speyer, beim alljährlichen dortigen Lanz -Bulldog-Treffen.

Hunderte Lanz-Artgenossen und etliche Traktoren-Oldies mit ihren Besitzern finden sich dort ein, um das Treffen mit ihrem Anblick, wunderschönen Klängen und dem besonderen Abgas-Dieseloldie-Aroma zu erfüllen. Die Musik eines Einzylinder-Deutz D15 ist ebenso zu hören wie das Stakkato eines McCormick-Motors oder eben das Erdbeben eines startenden Lanz-Bulldog. Da steht ein beinahe putziger Eicher-Schmalspurschlepper ebenso selbstverständlich dabei wie sein mächtiger Bruder Eicher Mammut und ein nicht minder kräftiger Deutz D9006. Eine bunte Mischung also an Traktoren-Oldies, die sich da versammelt.
Ihre Besitzer präsentieren die Schätze selbstverständlich mit stolzer Brust, bei Bratwurst und (alkoholfreiem) Bier fachsimpelt man angeregt über das Leben mit den besonderen Oldies. Mein Deutz ist absolut zuverlässig! Mein MAN aber auch! Neulich habe ich den Anlasser überholt, seither ist alles wieder tipp – topp! Gesprächsfetzen dieser Art sind rundherum zu vernehmen. Auch das Publikum ist bunt gemischt, von sehr jung bis deutlich betagt ist alles dabei und erfreut sich an der Szenerie.


Weinbauerngerät: der Eicher-Schmalspur


Die ganz jungen blicken manchmal noch etwas skeptisch in die Runde, die Geräuschkulisse ist doch respekteinflößend für zarte, junge Ohren. Was, da auf dem lauten Ding soll ich eine Runde über den Hof mitfahren? Ich weiß nicht… scheint sich der ein oder andere Junior zu denken, Väter müssen starke Überzeugungsarbeit leisten in manchen Fällen.  Dann schon lieber in die ruhige Halle nebenan gehen und das 1:32- Modell eines Bauerndorfes betrachten. Ferngesteuerte Mini-Traktoren mit Pflug! Modellbagger, die wirklich schaufeln können! 1:43-Traktoren-Modelle, kleine Häuser und und und…! Da leuchten nicht nur Kinderaugen, auch in die Augen von manchen Erwachsenen legt sich ein gewisser Glanz beim Betrachten der Szenerie. Wäre es ganz still rundherum, würde ich womöglich viele leise, wonnige Seufzer erklingen hören.
Aus der Halle heraus, die Luft ist angefüllt mit dem typischen Geräusch der Lanz-Bulldog-Glühkopf-Brenner. Überall ist das Zischen der Spiritus-Flammen zu hören, gleich starten die Oldies zur Rundfahrt durch Speyer und alle Lanz müssen startklar gemacht werden. Das dauert bekanntlich etwas länger, in dieser Zeit geht der Schreiberling noch einmal in sich. Soll er es wagen? Den Ritt auf der Höllenmaschine ohne Gewissheit auf heile Rückkehr?  Hat er eine gute Lebensversicherung abgeschlossen und die letzte Police bezahlt? Ja, er hat und er wird!


Noch 'n Plombenkiller...


Dem Mutigen gehört die Welt, sagt man, so sei es, ich stürze mich in das Abenteuer Stadtrundfahrt mit Lanz. Los geht´s! Schon der Aufstieg ist eine Herausforderung, nicht auf peinliche Weise herabstürzen heißt das Motto. Oben angekommen erfahre ich in ein und dem selben Moment die wahre Bedeutung der Begriffe Massagestuhl extra stark und Erdbeben. Das Fuhrwerk schaukelt derartig in alle Richtungen, dass ich mir selber ein Lob dafür ausspreche, vorher nicht zu Mittag gegessen zu haben. Der Fahrer wippt auf seinem Schwingsitz in Meter-Ausschlägen auf und ab, in meinem Körper verteilen sich Vibrationen bis in die hintersten Haarspitzen. Zahnbrücken habe ich keine, Gott sei Dank, ansonsten wäre am Montag der nächste Zahnarztbesuch fällig. Der Eisenklotz setzt sich mit einem deutlichen Ruck in Bewegung. Pulsfrequenz des Motors: etwa zwölf Schläge pro Minute, aber die dafür absolut durchdringend. Die Karawane zieht durch die Innenstadt von Speyer, überall grüßt fröhlich lächelndes, Daumen reckendes Publikum. Ob ich auch nur die geringste Ahnung haben, was hier oben abgeht? Ich möchte höflich sein und winken, aber mein Arm ist irgendwie wie festgenagelt. 45 Minuten dauert die Fahrt, scheinbar ewig, aber irgendwie fühle ich mich trotzdem glücklich, als wir den Parkplatz wieder erreichen. Ob so Sado-Maso geht? Egal, Lanz-Beifahrer sein ist ein tolles Gefühl, auch wenn es zwischendurch nicht so wirkt!
Demnächst kann ich dann meine Magenwände wieder beruhigen mit Roggenmehl aus der Dreschmaschine, die auch zu bewundern ist. Der kleine Deutz D15 treibt im tapferen Dauerbetrieb die Dreschmaschine an, die größer und länger ausfällt als er selbst. Landmaschinen-Technik wie anno dazumal, auch zu betrachten an der transportablen Bandsäge mit Deutz-Verdampfer-Motor aus den 1910-ern.
Zum Abschluss des Tages verfolge ich das Geschicklichkeits-Rennen der Traktoren-Oldies. Die Veteranen und ihre Besitzer fahren dabei durch einen abgesteckten Parcours und müssen dabei auch rückwärts möglichst nahe an einen Mast heranfahren – ohne diesen umzuwerfen. Es gelingt allen!


Unter dem Namen Lanz gab's auch "niedliches" Gerät.