U wie unglaublich - in allen Lagen - der Unimog.
Fotos: Oldtimerreporter.Müller


Er kippt, er kippt, er kiiiiiiiippt! Oder doch nicht? Kann mir jemand eine Leiter bringen, damit ich aussteigen kann? Wo ist der Notknopf? Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf, unter anderem der an meine Lebensversicherung.
Wo ich mich in meiner Panik befinde? Na, so etwa 45 Winkelgrade und gefühlte 30 Meter von der Erde entfernt! Genauer gesagt, in einer Kabine eines Monsters. Dieses Monster nennt sich Unimog U1450 und brüllt sich gerade warm für den kommenden Abwurf seiner lästigen Passagiere. Das Monster bewegt sich auf grazilen Elefanten-Reifen mit etwa 0,5 km/h eine Rampe hinauf. Eine hohe Rampe. Eine hohe und schräge Rampe. Eine sehr hohe und schräge Rampe!! Ah, Gott sei Dank, oben angekommen! Aber… jetzt müssen wir da ja noch herunter… Ich schließe einfach die Augen und mit meinem Leben ab. Irgendwann hört das Monster-Brüllen auf. Jemand sagt, dass wir angekommen sind. Wo? Im Himmel? Mit den Knien eines Junggesellen vor dem Brautaltar entsteige ich dem Monster und wanke lächelnd davon. Die Frage, ob die Fahrt gut war, KANN ich nur mit einem seligen „JA“ beantworten!

Das ist also mein geglückter Einstieg in den Speyerer Brazzeltag 2019. Hier auf dem Gelände des Technik-Museums in Speyer hat sich alles versammelt, was in irgendeiner Weise spektakulär auf sich aufmerksam macht. Ein Pontiac Catalina Safari (Kombi) beispielsweise bietet spektakulär viel Raum im Kofferabteil. Es könnten wahlweise ungefähr 70 Kisten Budweiser oder die zahlreichen Schuhe der  Dame des Hauses transportiert werden. Wobei  das mit den Schuhen selbst beim Catalina manchmal knapp werden könnte. Auch ein Dodge Charger macht natürlich hierzulande durch seine Größe auf sich aufmerksam. Bei ihm zählen aber noch wesentlich mehr die inneren V8-Werte. Merke : 275 PS auf acht Zylinder und einen Putzeimer voll Hubraum verteilt erzeugen ein nachhaltiges Schub – und Klangerlebnis.


Bugatti II  :  Schnell, laut, giftig und etwas ganz Besonderes – noch heute!


Akustisch erstaunlich zurückhaltend dagegen zeigt sich das ehemalige Kettenfahrzeug der Berliner Polizei. In Erwartung eines ohrenbetäubenden Diesel – oder Benzin- V12 – Lärms halte ich beim Start des Kolosses etwa 15 Meter Abstand. Aber nein, der Motor lärmt nicht. Stattdessen erzeugen die Ketten des Fuhrwerks bei voller Fahrt eine prägende Geräuschkulisse. Allein damit haben sich Kleinkriminelle in früheren Zeiten sicher wirksam abschrecken lassen. Überhaupt, die Geräuschkulissen : In der kommenden Woche werden die Hörgeräteakustiker und Ohrenärzte sicher regen Zulauf haben. Die zahlreichen Vorkriegsboliden vom Schlage eines Mercedes SSK, Bugatti oder DeDion Bouton erzeugen einen ungefilterten Motorenklang, der die Ohren und Herzen der echten Fans glücklich macht. Immer wieder sammeln sich beim Start eines solchen Dampfhammers Menschentrauben dicht um das Herz des Veteranen herum. Gestandene Männer bekommen feuchte Augen und werden ganz offensichtlich wieder zu kleinen Jungs. Und wenn es daran geht, die Fahrzeuge beim Rundparcours über das Museumsgelände zu verfolgen, stehen sie alle ganz andächtig an der Strecke. Auch beim Eintreffen eines Audi Quattro und des Kadett-Corvette aus dem Autohaus Nordstadt sind sie alle wie gebannt.


Der hat mächtig was auf der Kette!


Der Schreiber begibt sich derweil zum Jeep-Parcours am Rande des Geländes. Auf den einzigen steileren Hügeln in der Gegend kraxeln 4x4 – Fahrzeuge herum, deren Blech zumeist schon beulenfreiere Tage gesehen hat. Das Gelände sieht bereits mächtig umgepflügt aus. Zahlreiche mutige Zeitgenossen warten bereits darauf, als Beifahrer in einen der Kraxler zu steigen und beim Pflügen oder Kippen dabei zu sein. Großzügig beschließt der Schreiber, diesen mutigen Menschen den Vortritt zu lassen und auf eine Mitfahrt zu verzichten. Schräges Fahren hatten wir ja schon genug heute, siehe Monster.

Ein Flugsimulator erscheint da ungefährlicher – für den Schreiber und seine Mitmenschen. Auch ein solches Gerät ließ sich beim Brazzeltag testen. Siehe da, der Autor brachte den simulierten Flieger sogar heil nach Hause. Was aber – die Menschheit mag es danken – nicht zur Umschulung auf einen Jumbo- Piloten führen wird. Eher steht da schon der Gedanke im Raum, sich nach langer Zeit wieder ein Mofa zu beschaffen. Warum dieser plötzliche Gedanke? Nun, daran ist ZD 40 schuld. Genauer gesagt, Zündapp ZD 40. Diese steht für eine Fahrt bereit, nein, nicht als Beifahrer, sondern als Chauffeur. Der besorgt schauende Besitzer fragt nach, ob das Prinzip mit Kupplung links und Bremse rechts bekannt sei. Fußschaltung, erster Gang unten, die anderen zwei oben. Los geht´s ! Erster Gang, wunderbar, reibungslos. Zweiter Gang : Kupplung ziehen und Fußhebel nach oben. KRRRRRR!! Gott sei Dank ist der besorgte Besitzer einige Meter entfernt… Dritter Gang : KRRRRR!! Na ja, wahrscheinlich hört man durch den Vorkriegslärm nebenan eh nichts… Hoffentlich… Also, das müssten wir dann noch üben. Hat jemand zufälligerweise ein Übungsmofa? Angebote gerne an die Redaktion. So werde ich die nächsten Tage mit der Sanierung meines Gehörs und Gleichgewichtssinns sowie mit der Durchforstung von Kleinanzeigen verbringen. Auf alle Monster, Mofas und Mördermotoren!