Glitzerkram: Auch im Osten wollten die Funktionäre glänzen.
Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Wer in den USA in der zweiten Hälfte der 50er etwas zu sagen hatte, saß bevorzugt in Cadillac, Lincoln und Imperial, während die östliche Nomenklatur gern die GAZ 13 Tschaika bestieg. In überraschend vielen Punkten glichen sich die Nobelschlitten aus Ost und West.
Die erste Tschaika verließ als GAZ-13 im Jahre 1959 das Automobilwerk Gorki. Während der ZIL-111 exklusiv den ersten Genossen als Staatskarosse diente, fungierte sie als prestigeträchtiger Dienstwagen weniger hoher staatlicher Organe. Gestalterisch lehnte sie sich unmissverständlich am 55er/56er Packard an – auch ZIS 110 und ebenjener ZIL 111 waren kaum verhohlene Packard-Kopien – und wartete mit Stilkniffen weiterer US Cars wie Rückleuchten im mittfünfziger Buick-Look auf. In Ermangelung eigener Kompetenz wurde von den verteufelten Imperialisten auch in der Architektur in Form eines Leiterrahmens mit separater Stahlkarosserie imitiert. Auch die Maße vom GAZ Oldtimer kamen denen eines ausgewachsenen US Cars nahe: Auf 325 cm Radstand trafen 560 cm Länge, 200 cm Breite und 162 cm Höhe; das Leergewicht der Tschaika lag bei 2,1 Tonnen. Wenn auch...

...die technischen Leckerbissen der amerikanischen Luxuswagen wie beispielsweise Lichtsensor, Zentralverriegelung, Tempomat oder Luftfederung fehlten, verfügte der GAZ 13 dennoch über Ausstattungsfeatures, die den Bürgern der RGW-Staaten größtenteils auch nicht für ein Handgeld oder bei Vitamin B offenstanden. So begeisterte die Möwe, so die deutsche Übersetzung, die Funktionäre im Fond mit elektrischen Fensterhebern, wirkungsvollerer Heizung und einem Radio. Der Fahrer der mehrheitlich schwarz gespritzten GAZ Tschaika genoss einen elektrisch einstellbaren Sitz und die elektrisch ausfahrende Antenne des Rundfunk-Gerätes.
Zusätzlich zur viertürige GAZ Limousine 13A mit sieben Sitzplätzen, von denen zwei Notsitze waren, fertigte das Gorkowski Awtomobilny Sawod einige zwei- oder viertürige Cabriolets des Typs 13B und 20 Kombiversionen des Modells 13S. Bis zum Produktionsschluss 1981 entstanden im Ganzen 3.179 Exemplare, die Nachfolge oblag ab 1977 dem wieder nach klaren US-Vorbildern – diesmal FoMoCo, Packard war ja längst dicht – konzipierten GAZ 14. Antriebsseitig kupferte man ebenfalls kurzerhand beim Klassenfeind ab: Hinterm Grill mit dem obligatorischen V-Emblem ging freilich kein Reihensechser zu Werke, sondern ein 5,5-l-V8 mit zentraler Nockenwelle und Fallstrom-Vierfachvergaser. Der mit 8,5:1 nicht übermäßig hoch verdichtete Achtender lieferte 195 PS bei 4.400 Umdrehungen und 451 Nm bei 2.500 Touren; der Verbrauch von 21 l/100 km im Drittelmix war ebenso schwer amerikanisch.
Zwecks Kraftübertragung an die Hinterräder ging GAZ fremd und kopierte die Pushbutton-Automatik der Chrysler Corporation mit Bedienknöpfen am Armaturenträger. Mit dem dreistufigen Wandler-Automaten grummelte der GAZ 13 in 18 Sekunden von 0 auf 100 und kam auf rund 160 km/h Spitze. Das Fahrwerk mit Dreieckslenkern, Spiralfedern und Stabilisator vorn, Starrachse an Längsblattfedern hinten sowie Stoßdämpfern und Trommelbremsen rundum war so konventionell wie einfallslos gehalten. Fahrdynamik stand ohnehin nie im Lastenheft – auch in diesem Punkt nahmen sich die Edelkaleschen aus Ost und West nichts.

Die prächtige Möwe lässt mit ihrem Chromschmuck heute noch die Herzen der Fans höher schlagen. Für einen "Packardski" im gezeigten Zustand sollte man mindestens 60.000 Euro bereithalten.

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