Klassiker der anderen Art: Thomas Thomas gibt seinen Golf nicht her.
Fotos(3): Oldtimerreporter.Fröhlich


Wenn Thomas mit seinem Wagen auf einem Oldtimertreffen erscheint, fällt er auf. „Was will denn der 3er Golf hier?“, wird schon bald gefragt. Ist es doch nicht mal einer der seltenen VR6 oder zumindest ein Cabrio. Außerdem steht der teils handgepinselte Lack in krassem Gegensatz zum Hochglanzfinish anderer Karossen. Wenn er dann noch die Motorhaube öffnet, folgt Entsetzen: alles bunt angemalt! Doch dann: Staunen. Meist mittig platziert findet sich ein Schild: „833 671 km“. So war zumindest der aktuelle Stand auf dem DEKRA-Treffen in Tempelhof. Und wenig später verschiebt sich die Menschentraube vom glitzernden Porsche nebenan  zu dem betagten Golf.
Thomas Thomas (ja, so heißt er wirklich, doch dazu später) hat mich in den langen Werdegang des Dreier eingeweiht. Hier spielt auch die Vorgeschichte eine Rolle. Des Golfes Vorgänger war ein Lancia Dedra, als Neuwagen gekauft und quasi nie ohne Probleme gelaufen. Richtig gelesen: nie ohne. Heizung undicht, Zahnriemen gerissen, Getriebe, Steuerteil: volles Programm. Ein echtes Montagsauto. 2001 hatte Thomas die Nase voll, etwas Grundsolides musste her, und wenn’s geht mit einer ebenso preisgünstigen wie ausgezeichneten Ersatzteilversorgung: ein Golf. Was sonst? Der 1,8-Liter-Motor mit überschaubaren 75 PS hatte 180.000 km gelaufen, in alten Zeiten rechnete man da mit einem baldigen Motor- oder Getriebetod. Neun Jahre hatte er auf dem Buckel und wartete bei einem kleinen Autohändler auf seinen Entdecker. Für...

...3000 DM wechselte der Wagen den Besitzer. Seitdem bringt Thomas durch das Pendeln zwischen seiner Berliner Heimat und seinem Arbeitsort Cottbus beachtliche Jahresfahrleistungen auf die Uhr des Golf. Aktueller Kilometerstand zum Zeitpunkt des Interviews: 835.000 km. Bei der Wartung legt er besonderen Wert auf den Ölwechsel, zwei Mal im Jahr, zudem ist etwa alle drei Jahre ein neuer Zahnriemen an der Reihe.


Stramme Leistung: Erst bei 705.000 Kilometern war ein neues Aggregat fällig.


Und ja, er muss es zugeben: Es war bereits ein Austauschmotor fällig. Bei 705.000 km. Der alte hatte massive Öl-Inkontinenz an den Tag gelegt, für 250 Euro fand Thomas gebrauchten Ersatz, 350 Euro nahm die Werkstatt für den Einbau. Das Auto deswegen abzustoßen kam ihm nicht in den Sinn. Etwas näher an seine Arbeitsstelle zu ziehen, übrigens auch nicht. Daran schuld ist – eine Frau. Als er nur Thomas mit Vornamen hieß, fand er seinen Namen auf einem anderen Briefkasten des Hauses. Die dort wohnende Dame entpuppte sich als sympathisch, und irgendwann kam die Faux-pas-Frage nach dem Alter. Wie Frauen so sind, also nannte Thomas kurzerhand sein Geburtsdatum. Und sie: woher weißt du das? Nun, da beide am selben Tag Geburtstag haben, ratet mal, an welchem Tag sie geheiratet haben. Genau. Bei dieser Gelegenheit hat Thomas den Nachnamen seiner Frau angenommen. Wenn schon, denn schon.
Doch zurück zum Golf. Bei golftypisch solider Technik bleibt als größter Feind: der Rost. An bestimmten Punkten hat der Dreier da ja so seinen Ruf. Thomas geht dieses Thema sehr pragmatisch an: die Radhäuser und Kotflügelkanten hat er ein Mal schweißen lassen, dann hat er die Kotflügelkanten von innen einfach mit Spachtel aufgefüllt, sodass dort keine Kante mehr ist, an der Dreck hängenbleiben kann. Sodann wurden diese, wie auch die Bodenbleche von innen, nachdem alle Teppiche und Dämmmatten rausgeflogen waren, weiß gepinselt. Denn so sieht man aufkommenden Rost am besten! Damit es doch etwas wohnlich bleibt, liegen im Fußraum jetzt Badezimmerteppiche, die vom Maß her genau reinpassen und farblich mit den Kuhfell-Schonbezügen harmonieren. Zur Wagenpflege nimmt er sie einfach heraus und kann dann mal kurz „durchwischen“, wie er selber spöttelt.


Billig fahren: Die Gasanlage macht den "Dreier" besonders wirtschaftlich - ein Neuwagen kommt auch deshalb für Thomas nicht infrage.


Von seiner DEKRA-Prüfstelle bekam er bereits den Pokal für das Fahrzeug mit den meisten Prüfungen. Für das H-Kennzeichen wird sich Thomas nicht bewerben: Dank der Gasanlage fährt er ohne günstiger. Vor allem aber würde er sein DIN-Kennzeichen mit der alten Schrift verlieren!
Thomas archiviert akribisch alles zu seinem Auto: 2006 (bei  400.000 km) hat er auf Gas (LPG) umgerüstet, eine Investition, die sich längst ausgezahlt hat, bei 450.000 km kam das Getriebe. Natürlich weiß er auch, dass der Golf auf Gas 4,0 Euro auf 100 Kilometer „verbraucht“, er im Schnitt 1.500 Euro Werkstattkosten pro Jahr hat und er damit bei 10 Cent Gesamtkosten pro Kilometer liegt. Regelmäßig vergleicht er dies mit den Betriebskosten von Neu- und Gebrauchtwagen, wie sie der ADAC veröffentlich und ist sich sicher: den Golf fährt er vorläufig weiter.

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