Ein bisschen Stromlinie, ein bisschen Eleganz: So präsentiert sich der Ikarus 55-Reisewagen.
Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Der Altmetall-interessierte Hauptstädter erfreut sich über die BVG-Linie 218 zur Pfaueninsel, die regelmäßig ein Wagen aus dem Bestand der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin bedient. Aber wie heißt es doch so schön? Guck mal übern Tellerrand!
Und so spähte der Autor mit dem festen Ziel einer Fahrt in einem historischen Ikarus-Bus in die Lande.


Dicker Hintern. Der Heckmotor machte den 55-er (vor allem im Winter) gern mal zur Heckschleuder.


Warum gerade ein Ikarus? Nun, während seiner Besuche der thüringischen Verwandtschaft genoss  der damals noch jugendliche Herr Papa die Überlandfahrten in den ungarischen Fahrzeugen. Und natürlich durfte es nicht irgendein Ikarus sein, gewünscht war wie einst die Zigarre – das so ob seiner markanten Form genannte Modell 55. Ein solches fand der Spross nicht nur in Dresden, sondern auch bei der rebus GmbH im mecklenburgischen Güstrow. Wesentlicher Unterschied zum heimischen 218er: Der 55 wird nicht für den Linien-, sondern den Charterverkehr eingesetzt. Da freute sich die achtköpfige Feiergesellschaft und der den Alterstacho nullende Jubilar ganz besonders, die 34 Sitze für sich allein zu haben.


Dem Autor merkt man den Ikarus-Spaß an. Im Bus - und beim Schreiben.


Dekadent? Ach bitte. Wer einen voll besetzten Bus bevorzugt, möge Linie fahren. Ist übrigens auch viel günstiger, Zeugnisse mangelnder Hygiene gibt‘s sogar gratis dazu.
Den Ikarus hingegen durchzieht eine feine Ölnote – genau das richtige Aroma, die Rückenlehne vom Sitz der Wahl nach hinten zu kippen, die üppige Beinfreiheit zu genießen und durch die Panorama-Frontscheibe oder die orange-rot gehaltene Dachrandverglasung Wolken und Baumkronen vorbeiziehen zu sehen. Aah, herrlich. In Erwartung einer angenehmen Tour werden auch die Genossen der LPG Staupitz/Spreewald den Ungarn bestiegen haben, der sie nicht nur in die Obstpflanzungen, sondern auch in den Urlaub brachte. Vor jener zweiten Station in seinem Lebenslauf diente der 1959/1960 gefertigte Bus im VEB Kraftverkehr Eisenhüttenstadt, wo er nach heutigem Stand auch den Schönebecker R6-Diesel 6VD 14,5/12-1 anstelle des ursprünglichen 8,3-l-Csepel verpasst bekam.

Beim Erklimmen besonders steiler Anstiege der malerischen Endmoränenlandschaft rund um die Barlachstadt tönt das sonore Brummen des im Heck hinter zwei großen Türen verborgenen 9,8-l-Saugers noch sonorer, die 9.250 kg zuzüglich Passagiere fordern den 190 PS gehörig. Kein Problem für unseren höflichen wie auskunftfreudigen Chauffeur, wuchtet er eben den mit einem gedrehten Knauf im Format einer Halbliter-Flasche gekrönten Schalthebel auf der Suche nach einem niedrigeren Gang durch die fünf Zahnradpaarungen des Getriebes. Die kurvenreichen Landstraßen verlangen dem Herrn am großen Lenkrad einiges ab, die Verschnaufpause ist ob mangelnder Servounterstützung redlich verdient. Die mangels Klimaanlage zunehmende Hitze im Fahrzeug – die elterliche Maxime „Luken dicht, sonst krieg ich Zug!“ gilt bekanntlich lebenslang – treibt die Fahrgastschar derweil auf ein Eis in eine erstklassige Dorfkonditorei. Der abgestellte Ikarus erfreut sich sofortigen Interesses jüngerer Passanten – Fotos, Fragen, Frohsinn.
Die Zeit der Zeitreise wird knapp, rasch den Mund abgetupft, eingestiegen und die große Tür ganz ohne Hydraulik ins Schloss befördert. Etwas lauter zwar als im Referenz-Mercedes-W126, aber um nichts weniger satt im Klang oder solide in der Anmutung. Da haben die Damen und Herren von der Küstenbus GmbH, einer der Vorgängerfirmen der rebus GmbH, bei der Restaurierung ganze Arbeit geleistet. Wer schon einmal einen maroden Pkw wirklich rundum auf Vordermann gebracht hat, weiß um den Mehraufwand bei einem 11,39-Meter-Bus – Respekt! Zum Abschied hinterlässt der allseits liebgewonnene Budapester eine schwarze Fahne, Aroma Schiffsdiesel, aber damit können wir sehr gut leben und noch besser gegen anstinken: Zur Feier des Tages eine Zigarre!